Psychologe über Kriminalstatistik: „Nach meinem Eindruck werden die Zahlen oft zweckentfremdet“

Die Gewalt steigt laut aktueller Kriminalstatistik vor allem unter Minderjährigen. Der Psychologe Herbert Scheithauer erklärt die Zahlen – und wann Kinder gewalttätig werden.

Herr Scheithauer, laut Polizeilicher Kriminalstatistik, kurz PKS, stieg die Zahl der Gewalttaten in Deutschland auf 217.277 Fälle – der höchste Wert seit 15 Jahren. 
Daraus lassen sich aber keine pauschalen Schlüsse ziehen. Die PKS ist eine Meldestatistik. Sie hält nur fest, dass mehr Gewalttaten angezeigt wurden. Wir wissen dadurch aber nichts über die Gewalt im Dunkelfeld, also dem Bereich, der der Polizei nicht bekannt ist. Wir können aufgrund dieser Zahlen also nicht behaupten, Deutschland sei gewalttätiger geworden. Nach meinem Eindruck werden die Zahlen oft zweckentfremdet, beispielsweise um politische Diskussionen zu untermauen. 

Und wie erklären Sie den Anstieg der gemeldeten Gewalttaten?
Dafür muss man unterschiedlichste Studien übereinanderlegen. Die Frage lautet unter anderem ja auch: Warum zeigen mehr Menschen Gewalttaten an? Einer der Gründe mag an der Medienberichterstattung liegen. Wir sind ständig Berichten über Gewalt ausgesetzt – das erzeugt eine gewisse Sensibilität, aber auch Empfindlichkeit. Gleichzeitig steigt die Kriminalitätsfurcht, Menschen fühlen sich bedrohter. Das liegt auch daran, dass unsere Bevölkerung älter wird, mit dem Alter steigt das subjektive Bedrohungsgefühl. All das kann sich beispielsweise auf das Anzeigeverhalten auswirken. Die Zahlen zeigen, dass Menschen sensibler auf Gewalt reagieren. 

Dann könnte man die gestiegenen Zahlen auch positiv interpretieren. 
Die PKS zeigt ein verändertes Anzeigeverhalten. Das kann auch ein positives Zeichen sein. Aber das bedeutet nicht, dass sich die Situation in Deutschland verbessert hat. Mehr Anzeigen können auch ein Ausdruck von mehr Furcht sein. Sie können Zeichen einer sensibleren Wahrnehmung sein. Man muss das schon ernst nehmen. Und man muss auf das Gefühl der Bedrohung der Menschen und dessen Ursachen eingehen.

Die PKS nennt im Zusammenhang der steigenden Gewalttaten zwei Personengruppen: nicht deutsche Tatverdächtige sowie Kinder und Jugendliche.
Auch die Kategorie der Ausländerkriminalität – also die Erfassung von Tatverdächtigen mit einem nicht deutschen Pass – lässt keine pauschalen Aussagen zu. Sie wird allen voran von verschiedenen Interessengruppen verschieden interpretiert. Fakt ist: Ausländer sind in der Statistik überrepräsentiert. Dafür gibt es aber vielfältige Erklärungen. Zum Beispiel werden Menschen, die als „nicht deutsch“ gelesen werden, häufiger kontrolliert, und Taten von Ausländern werden auch häufiger angezeigt. Hinzu kommen unterschiedliche soziale Lagen, Lebensbedingungen sowie eine unterschiedliche Altersstruktur. 

Die PKS bezieht sich auf bestimmte Tätergruppen. Belegen Studien denn, dass manche Menschen besonders gewalttätig sind?
Es gibt diverse Gründe, warum Menschen eher zu Gewalt greifen. Aber gerade junge Männer sind im Vergleich zu anderen gewalttätig. Das hat zum Beispiel mit Männlichkeitsnormen zu tun, die Gewalt legitimieren. Es kann aber auch mit weniger Bildung oder geringeren sozial-emotionalen Kompetenzen erklärt werden. Zuweilen hat es auch einfach den Grund, dass wir uns auf Gewaltformen besonders konzentrieren, die besonders ersichtlich sind, wie körperliche Gewalt. Wenn man andere Formen miteinbezieht, verringern sich die Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Sie meinen, es gibt spezifisch weibliche Formen von Gewalt?
Früher ging man in der Forschung davon aus, dass Frauen häufiger Beziehungsgewalt anwenden, beispielsweise sozialen Ausschluss. Das ist so nicht richtig, weil stark vereinfacht. Aber man kann festhalten: Bezieht man zum Beispiel Beziehungsaggressionen als Form der Gewalt mit ein, dann ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern kleiner. 

Haben Sie konkrete Beispiele für Beziehungsgewalt?
Zum Beispiel, indem man beim Mobbing andere sozial schlecht macht, um persönliche Ziele in der gleichaltrigen Gruppe zu erreichen. Oder indem man andere bewusst ausschließt oder bewusst Lügen verbreitet, damit eine Person allein dasteht. Das haben viele Menschen schon erlebt, und oft tut so etwas mehr weh, als eins auf die Nase zu kriegen. Trotzdem ist diese Form von Beziehungsaggression lange Zeit nicht betrachtet worden. Sie taucht natürlich auch in der PKS nicht auf. Wir sollten unseren Fokus erweitern, wenn wir über Gewalt in unserer Gesellschaft reden.

Und wie sehen Sie das in Bezug auf Kinder und Jugendliche? Laut PKS stieg die Zahl der tatverdächtigen Kinder um über elf Prozent.
Da sehen wir bei anderen Studien sogar einen gegenteiligen Effekt. Viele Experten sehen eher eine Angleichung vom Hell- und Dunkelfeld. Weil Menschen auf Gewalt im Schulumfeld inzwischen sensibler und sensitiver reagieren als noch vor Jahrzehnten. Man muss also verschieden Statistiken und Studien gemeinsam betrachten.

Die Gewalt an Schulen steigt also gar nicht?
Es gibt dazu tatsächlich eine renommierte, repräsentative Studie, die sogenannte Niedersachsensurvey. In diesem Bundesland hat man 2022 über 8500 Schüler der neunten Klasse zu Täterschaft und Opferschaft befragt. Damals konnten die gestiegenen Zahlen der PKS nicht bestätigt werden. Schaut man sich die zur Verfügung stehenden Daten der letzten 20 und 30 Jahre an, haben wir sogar eher eine Abnahme.

Bedeutet also: Deutschland ist hier auf dem richtigen Weg? 
In repräsentativen Studien sprechen beispielsweise immer noch 13 Prozent der Schüler von Mobbing; Täter- und Opfererfahrungen zusammengenommen. Das sind momentan 1,4 Millionen Schülerinnen und Schüler, die mehr als einmal im Monat in eine Form von Gewalt verwickelt sind. Sobald Menschen das Wort „Abnahme“ hören, meinen sie, das Problem sei behoben. Und schon wird die Prävention eingestellt. Deswegen tue ich mich mit der Formulierung „auf dem richtigen Weg“ schwer. 

Und gibt es Faktoren, die Kinder und Jugendliche besonders gewaltanfällig machen?
Es gibt unterschiedliche soziale Prägungen und negative Erfahrungen, die einen eher gewalttätig machen als andere. Das sind aber sehr individuelle Aspekte. Was aber insbesondere auf Jugendliche zutrifft, ist die Bedeutung der sozialen Gruppe. Das Dazugehören hat einen ganz, ganz hohen Wert. Als Jugendlicher ist die positive Eigendarstellung für die eigene Identität und den Selbstwert prägend. In dieser sensiblen Entwicklungsphase kann – im frühen Jugendalter – eine negative Rückmeldung ausreichen, damit der Selbstwert in den Keller geht. „Nicht dazuzugehören“ kann sich für Jugendliche besonders bedrohlich anfühlen. Sie machen also eher bei Sachen mit, einfach um dazuzugehören. Das kann auch bei Gewalt der Fall sein. Erwachsene haben da oft bessere Bewältigungsmechanismen. Sie haben gelernt, damit umzugehen, auch mal nicht gemocht zu werden.