Für eine Reportage über Krieg und Frieden in Kolumbien begleitete ich Edgar Tumiña. Ein unerschrockener Kämpfer für Frieden, der nun selbst ein Opfer der Gewalt wurde.
Es gibt nicht viele Menschen, die einem Reporter im Lauf der Jahre nachhaltig in Erinnerung bleiben. Zu sehr hetzt man von Einsatz zu Einsatz, von Recherche zu Recherche, von Interview zu Interview.
Mit Edgar Tumiña war es anders, anders selbst als bei Barack Obama. „Tumi“, wie er genannt wurde, sprach sanft, kaum hörbar, aber die Sätze waren stets durchdacht, oft weise. „Wir können den endlosen Krieg nicht mit immer mehr Waffen lösen.“ „Man muss auch seinem ärgsten Feind verzeihen können.“ „Ich bin bereit, den Mörder meines Bruders in unsere Gemeinschaft aufzunehmen.“
Das waren einige seiner Glaubenssätze.
Ermordet mit neun Schüssen
Tumi war der Protagonist in einer meiner Reportagen über Krieg und Frieden in Kolumbien. Der Fotograf Jonas Wresch und ich begleiteten ihn über Jahre hinweg bei seinem unermüdlichen Versuch, wahren Frieden in seine Region im Süden Kolumbiens zu bringen, nach 52 Jahren Krieg.
Edgar Tumiña war ein Anführer beim Volk der Nasa in Kolumbien. Er leitete die Bürgerwehr und war ein überzeugter Pazifist
© Jonas Wresch
Wie kriegt man Krieg aus den Menschen heraus? Kann man auf 52 Jahre Bürgerkrieg mit Gnade und Verzeihen antworten? Wie gelingt dauerhafter Frieden konkret, im Alltag?
Das waren einige seiner Fragen, relevant auch für andere Konflikte dieser Welt.
Vergangenen Monat wurde Edgar Tumiña im Alter von 48 Jahren ermordet. Ein Todeskommando streckte ihn um 20.48 Uhr von einem Motorrad aus mit neun Schüssen in den Kopf nieder. Es kam einer Hinrichtung gleich.
Tumi war Anführer der Nasa, eines indigenen Volkes im Cauca-Tal. Er lebte in einem Gebiet, das wie kein anderes in Kolumbien seit jeher schwer umkämpft war. Zunächst zwischen dem Staat und der Guerilla Farc, dann zwischen dem Staat und Drogenbanden, schließlich zwischen diversen Drogenkartellen.
In die Schlachten ging er ohne jede Waffe
Vor allem war Tumi Anführer einer bemerkenswerten pazifistischen Bewegung, der Guardia Indígena, die ein Großteil seines Volkes umfasste. Die Mitglieder gingen zu Hunderten und ohne Waffen in ein Kriegsgebiet hinein und nahmen die Kämpfenden aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit fest. Anschließend versuchten sie, die Täter in einem langen, mühsamen Prozess wieder in ihre Gemeinschaft zu integrieren. „Kein Mensch ist für immer an das Böse verloren“, war ein weiterer wichtiger Satz von Edgar Tumiña, eine Art Leitmotiv.
Er verlor seinen eigenen Bruder im Krieg. Manuel Tumiña wurde 2014 von Guerilleros der Farc erschossen, und Tumi integrierte selbst die Mörder seines Bruders in die Gemeinschaft seines Ortes Toribío, darunter den Lokalkommandanten der Farc Carlos Yatacué.
Die Morddrohungen nahmen zu
In den vergangenen Jahren erhielt Tumi häufig Morddrohungen, vor allem von der Frente Dagoberto Ramos, einer Abspaltung der Farc. Der Gruppe ging es schon lange nicht mehr um politische Ziele, sondern einzig um Marktanteile im Drogengeschäft. Dabei waren ihnen Tumi und dessen indigene Bürgerwehr ein gewaltiger Dorn im Auge.
Tumi hat sich den Drohungen der Mörder in all den Jahren nie gebeugt. Er hat seine Bürgerwehr nicht aufgelöst, die Einsätze nicht zurückgefahren, die Entwaffnung der Friedensgegner nicht gestoppt. Er war stets der erste vor Ort, ausgestattet nur mit Funkgerät, schusssicherer Weste und den mit bunten Bändern geschmückten Holzstab, „chonta“ genannt, der ihn als Anführer der Indigenen ausweist.
Die Nachricht vom Tod dieses großen Friedensaktivisten wird es in keine Zeitung und keinen TV-Sender schaffen. Zu viel passiert in der Welt, zu sehr dominieren Trump und Musk die Schlagzeilen, als dass noch etwas übrig bliebe für den Rest der Welt, ob es sich nun um den Sudan handelt, um Kolumbien oder Haiti.
Nicht mal in Kolumbien selbst schaffte es die Nachricht in die Hauptnachrichten. Zu zahlreich sind die Morde an Menschenrechtsaktivisten, zu gewalttätig die Auseinandersetzungen zwischen der Guerilla ELN, der Regierung und den diversen Verbrechenskartellen, als dass für Einzelschicksale Platz wäre.
In Kolumbien gibt es bis heute keinen Frieden
Der Friedensschluss zwischen dem Staat Kolumbien und der FARC vor acht Jahren war der Welt für mehrere Wochen einige Meldungen wert, Präsident Juan Manuel Santos erhielt sogar den Friedensnobelpreis. Doch von dem Frieden ist nichts geblieben, er wurde in der Praxis nie auch nur annähernd erreicht. Ein Haupthindernis ist die gewaltige Drogen-Nachfrage aus den USA und der Einfluss der mexikanischen Mafia bis tief nach Südamerika.
Ich erinnere Edgar Tumiña als liebevollen Vater von vier Kindern, als stillen Helden, wie es nur wenige gibt, als jemanden, der den Friedensnobelpreis tatsächlich verdient hätte – wie so einige Aktivisten in den hintersten Ecken der Welt, die nicht das Scheinwerferlicht suchen, aber eine bessere Welt. Ein Satz von ihm bleibt mir in Erinnerung, den kein Musk und kein Trump je über die Lippen bringen würde: „Der wahre Frieden umarmt auch deinen Feind.“
Jan Christoph Wiechmann und Fotograf Jonas Wresch wollen der Familie helfen, die Beerdigungskosten zu decken – hier können Sie die beiden dabei unterstützen.